Chapter 1 of 2

Schattenspiele

Schattenspiele [German]5,873 words~30 min read

“Caily, Caily du bist immer noch nicht erwacht. Wie oft sollen wir das Ganze noch wiederholen?”

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Caily stand am Eingang des alten Stollens. Der dunkle Tunnel, beinahe erdrückend, als sie hineinschaute. “Caily, Caily, was machst du schon wieder hier?” Ihre Mutter packte sie und zog sie davon. Cailys Blick immer noch auf den dunklen Eingang gerichtet. Ihre Mutter setzte sich neben sie auf die Stufen des alten Tempels. Ihr Gesicht war verzerrt, graue Kratzer, die sie aus den Einträgen ihrer Tagebücher gestrichen hatten, ihre Mimik vergessen und ihre blauen Augen wie kalte Kristalle. “Ich habe dir doch oft genug gesagt, die Höhlen sind gefährlich, du darfst ihnen nicht zu nahe kommen, sonst kommst du nicht wieder raus. Oder muss ich dir das Märchen erneut erzählen?” Ihr Ton war harsch und vorwurfsvoll. Doch Caily lauschte der Geschichte, die sie nur allzu oft gehört hatte, die sie aber dennoch unbeschreibbar fesselte.

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Nikolai stand am Eingang der Höhle, sein Blick in das Schwarz gerichtet. Als würde es nach ihm rufen. “Na komm schon Peggy, so schlimm kann es nicht sein.” Er zog sie in den Gang, bevor sie ihre kurzen Beine selbst dazu bringen konnte. Ihre kleinen roten Schuhe klapperten auf dem kalten Stein und mit den Händen hatte sie ihre zwei goldblonden Zöpfe fest umschlungen, nur um das Gefühl zu spüren, sich an irgendetwas festhalten zu können. “Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist? Stimmen die Geschichten vom Schatz?” Sie folgte Nikolai, wenn auch erst skeptisch, nun mit flinkem Schritt. “Natürlich stimmen die. Und wenn wir wieder rauskommen, werden wir König und Königin, so viel Gold werden wir haben.” Peggy blieb einen Moment stehen. "Bekomme ich dann eine Krone?” “Aber natürlich", Nikolai zog sie weiter, "Was willst du denn für eine?” Während sich Peggy seiner Geschwindigkeit anpasst, um nicht länger gezogen werden zu müssen, hielt sie sich die Hand so weit über den Kopf wie sie es nur konnte. “So eine große” Sie streckte sich bis auf die Zehenspitzen, um noch höher zu reichen. “Die bekommst du. Aber mit Sicherheit." Vor ihnen teilte sich der alte Stollen. Die dicken Holzbalken an den Wänden waren alt, doch hielten sie über ihnen einen alten steinernen Torbogen von welchem Nikolai triumphierend vorlas “Das Gestein ist unser Gott, er ist der Körper der Welt selbst” Peggy stellte sich gerade hin und wiederholte den Satz und machte daraufhin einen leichten Knicks so, wie sie es jeden Morgen in der Schule gelernt hatte. “Verbeug dich doch nicht. Wir sind König und Königin. Wir müssen uns nicht mehr verbeugen” “Aber steht der Berg nicht über König und Königin” “Niemals. Es ist ein Berg. Und wenn wir erst den Kern des Berges gefunden haben, wird dieser an der Spitze unserer Krone sitzen. Dann steht nichts mehr über uns.” Ein breites Lachen zog sich über Nikolais Gesicht, welches laut durch die langen Tunnel hallte. “Wo lang gehen wir? Links oder rechts” Nikolai zuckte mit den Schultern “Links?” “Ich hätte rechts gesagt” Peggy zog zwei steinerne Würfel aus der Tasche. “Spielen wir darum", sie drückte Nikolai einen der Würfel in die Hand. "Wer höher würfelt, entscheidet." Damit warf sie den Würfel vor sich auf den Boden und Nikolai tat es ihr gleich. Das Klirren von Stein auf Stein, als die Würfel zur Ruhe kamen, blieb noch lange in ihren Ohren, also würde es durch die alten Steine weiter klingen. “Ich hab ne Vier, was hast du?” “Sechs!”, Peggy sprang triumphierend in die Höhe “Wir gehen rechts” Sie steckte die Würfel in Ihre Tasche und ging den Tunnel entlang, nun übernahm sie die Führung als sie weiter ins Dunkel des Stollens gingen.

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Caily wachte auf. Ihre Hände zitterten. Ihre Knochen taten weh. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit sie hier gelandet war. Sie stand vorsichtig auf und schaute sich um. Das einzige, was sie im dimmen Licht erkennen konnte, waren einige Schriftzeichen auf den Wänden hinter ihr:

Unser Gott ist das Gestein, er ist der Körper der Welt.

Der Weg des Erzes:

Gefangen im Stein wächst es heran,

ruht es ewig, fällt nicht in Wahn.

Erst muss es zerbrochen werden,

wird gerissen von den Erden,

eh es in den Gluten schmilzt

Bevor es formt sich, wie du willst,

dann ists ein wunderschönes Stück.

Sei das Erz, Breche, Brenn und kehr zurück.

Sie drehte sich um und folgte dem einzigen Gang der die kleine runde Kammer verließ, bis sie schließlich an einer Weggabelung anlangte. Sie dachte nicht lange darüber nach, bevor sie in einem der dunklen Tunnel verschwand. Sie würde schon irgendwie nach draußen finden.

~~O~~

Peggy erreichte zuerst die große Kammer. Eine scheinbar natürliche Höhle, die den Stollen durchschnitt. Ein großer runder Raum, auf der einen Seite ein kleiner Wasserfall, der aus der Wand sprudelte und in der Mitte ein daraus entspringender Bach, der die Kammer in der Mitte teilte. Auf der Seite, auf welcher Peggy und Nikolai standen, gab es nichts außer den Tunnel, aus dem sie kamen, so wie einen breiten Holzpfeiler, welcher sich bis zur hohen Decke erstreckte. Auf der anderen Seite teilte sich der Weg erneut. Vier Gänge führten an unterschiedlichen Stellen in die Felswand. Einer von ihnen war sogar in der Höhe über den anderen. Einige Stufen und ein hölzernes Plateau führten zu dem Tunnel, welcher im Vergleich, zu den anderen seltsam platziert wirkte. “Wo gehen wir jetzt lang?” “Nochmal rechts?” "Ok." Ohne viele weitere Worte hechtete Nikolai über den dünnen Bach. Mutig tat Peggy es ihm gleich, rutschte jedoch im letzten Moment mit ihrem Fuß auf einem glitschigen Stein aus. Während sie es zum größten Teil ans andere Ende schaffte, blieb doch ihr rechtes Bein ein Stück zurück und landete im kalten Wasser. Der Saum ihres Kleides hatte sich vollgesogen, doch als sie sich wieder aufrichtete, konnten sich beide das Lachen nicht mehr verkneifen. Die beiden rannten in den besprochenen Gang hinein, während Peggy versuchte, Nikolai mit ihrem nassen Kleidsaum zu bespritzen.

~~O~~

Cailys Fuß wurde plötzlich nass. Sie hatte den kleinen Bach, welcher an der Seite der Höhle entlang lief, beinahe nicht gesehen. Die Wände um sie herum waren bedeckt mit Algen und einem dünnen Film an Feuchtigkeit, nach und nach stieg der dazugehörige Geruch in ihre Nase, als würde dieser durch einen leichten Windhauch in ihre Richtung gepustet werden.

~~O~~

Nikolai blieb abrupt stehen, als der Tunnel sich öffnete. “Hier waren wir doch schon, oder?” Peggy stellte sich neben ihn und ließ ihren Blick durch die große runde Kammer mit dem Bächlein darin schweifen. “Wir sind bestimmt im Kreis gegangen, der Tunnel hat uns wieder zum selben Eingang geführt” Nikolai drehte sich um, um in genau den Tunnel zu blicken, in welchen sie vor einigen Minuten hineingerannt waren. “Das ist nicht derselbe Raum, schau!” Peggy deutete auf die breite Holzsäule, die in der Mitte des Raumes stand. Sie war bewachsen mit Moos und eine Knolle an einigen weis schimmernden Pilzen hatte sich auf dem Moos gebildet. “Das war in dem anderen Raum nicht. Außerdem gibt es den anderen Tunnel hier gar nicht." Sie deutete in die Richtung des Tunnels, aus dem sie ursprünglich gekommen waren, wo sie nur eine schroffe Felswand sehen konnten. “Dann drehen wir wieder um. Vielleicht war das ganze doch nicht die beste Idee.” Nikolai machte erst ein paar vorsichtige Schritte rückwärts, während er den seltsam vertrauten Raum weiter beobachtete, bevor er sich umdrehte und den Gang zurückging. "Warte auf mich!" Flink tat Peggy es ihm gleich.

~~O~~

Caily fand sich schließlich in einem kleinen Raum. Vor ihr dieselbe steinerne Fläche, auf der sie zuvor erwacht war, doch auf der Tafel dahinter waren keine Schriftzeichen mehr. Es war nur noch eine unerkennbare Anordnung aus Linien, beinahe so, als wären es unvollständige Runen. Caily schluckte für einen Moment, das seltsame Gefühl, dass sie eben erst in diesem Raum war, er aber nun verändert schien, jagte ihr einen Schauer über den Rücken, den sie nicht beschreiben konnte. Ein leichter Wind zog ihr im Nacken und dann eine sanfte, warme Brise.

~~O~~

Nikolais Herzschlag wurde schneller, als sie vor sich die große runde Kammer sahen. Die Stütze des Raumes war nun ganz und gar mit dichten Pilzen bewachsen. Das Moos erstreckte sich beinahe bis zu ihrem Höhleneingang. “Aber hier sollte es doch wieder Raus gehen." Peggy rannte zur Mitte des Raumes, um sich umzuschauen. Es gab kein Zeichen, dass an der hinteren Wand, von der sie gekommen waren, mal ein Eingang gewesen wäre. In diesem Moment begann ihr Magen zu knurren. Sie wusste gar nicht, wann sie das letzte Mal was gegessen hatte. Wie lange waren sie eigentlich schon hier? Nikolai schloss zu ihr auf. "Glaubst du, die können wir essen?" Er deutete auf die hellen Pilze, welche wie Kugeln aus den Fugen der einzelnen Holzschichten sprießten. “Ich bekomme langsam echt Hunger", auch sein Magen knurrte bereits etwas, dabei hatte er gerade etwas gegessen, bevor sie in die Höhlen gegangen waren. Als er die Worte aussprach, während er neben den Pilzen stand, begannen diese plötzlich leicht zu leuchten. Er wollte nach einem der Pilze greifen, ihre Konsistenz war allerdings schleimig wie die Haut einer Schnecke und er ließ die runde Knolle sofort fallen. Sie machte ein platschendes Geräusch, als sie auf dem Boden aufkam, welches die anderen Pilze erneut zum Leuchten brachte. “Ich habe noch nie von Pilzen gehört, die leuchten und giftig sind, aber ich weiß, dass Mama leuchtende Pilze für Medizin benutzt. Vielleicht sind die ja gesund.” Peggy griff ebenfalls nach einer der leuchtenden Kugeln, doch Nikolai hielt sie auf. “Ihhh, Medizin ist eklig, lass uns lieber was anderes suchen.” “Ich glaube ich möchte wieder nach Hause, du meintest doch du merkst dir den Weg?” “Wollte ich auch, aber jetzt hab ich ihn vergessen." Nikolai zuckte mit den Schultern, bevor er sich erneut im Raum um zu schauen. Er fühlte sich etwas schlecht, dass er sie hier hineingefühlt hatte, doch er war schlau genug, sich nichts anmerken zu lassen, um Peggy keine Angst zu machen. Schließlich deutete er auf den etwas höher gelegenen Tunnel am Ende des Raumes. “Wenn wir den nehmen, kommen wir weiter nach oben, also näher an den Ausgang, oder vielleicht sogar zur Bergspitze. Das ist bestimmt, wo der Schatz ist.” Peggys Augen wurden wieder groß und sie folgte Nikolai die glitschigen Bretter hinauf, welche zu der kleinen Holzplattform führte, welche vor dem Tunnel erbaut war.

~~O~~

Caily zuckte zusammen, sie stieß mit ihrem nackten Fuß gegen einen Stein und gab einen schmerzhaften Laut von sich. In der Entfernung blitzte ein Licht auf. Schnell näherte sich Caily der Lichtquelle in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden. Ein silbern, blauer Schimmer welche sich von den nassen Wänden der Höhle reflektierte, ging von den Steinen vor ihr aus, welcher langsam wieder verschwand. Sie strich mit ihrer Hand über die schleimige Masse aus Pilzen, welche auf dem Felsen wuchsen und bei der Berührung begannen sie erneut zu leuchten. Als sie sich wieder von den Pilzen weg drehte, blickte sie in die Dunkelheit, wie ein Nebel verschluckt sie den Gang vor ihr. Nur in der Entfernung zwei kleine leuchtende Punkte, leicht schwankend. Das letzte Licht der Pilze hinter ihr versiegte. Und als die Punkte vor ihr für nur eine Sekunde verschwanden und wieder auftauchten, setzte sich plötzlich eine Panik in Cailys Gedanken, etwas beobachtete sie. Bei einem vorsichtigen Schritt nach hinten verlor ihr Fuß auf einem glitschigen Pilz die Haftung und mit einem Schrei stürzte sie zu Boden. Ein heller Lichtblitz brannte in ihren Augen, als der gesamte Tunnel vor ihr plötzlich in grelles Licht getaucht wurde, als aberhunderte Pilze auf den Schrei reagierten. Caily schloss im Schreck die Augen und als sie sie wieder vorsichtig öffnete, war es um sie noch dunkler als jemals zuvor. Nicht einmal die eigene Hand vor den Augen konnte sie mehr sehen. Sie wusste nicht, ob es an der Dunkelheit der Höhle selbst lag, oder ob ihre Augen durch das helle Licht endgültig ihre Fähigkeiten verloren hatten.

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Sie ließen den großen Raum erneut hinter sich und folgten dem neu gewählten Tunnel, bis Nikolai und Peggy schließlich in einer Sackgasse landeten. In Peggys Augen bildeten sich einige Tränen “Ich will wieder raus!” Nikolai ignorierte sie, als er sich auf die Wand vor ihnen Fixierte. Sie wirkte Künstlich. Während der Gang immer natürlicher geworden war und immer weniger stützende Balken ihren Weg säumten, war die Wand vor ihnen glatt, beinahe als wäre sie eingesetzt worden. Ein leichter wechselnder Luftzug drückte sich durch eine Spalte an der Seite des Felsens. Nikolai drückte sich an die Wand. Es wechselte immer wieder, ein leichter, kühler Wind, gefolgt von einer Welle an warmer Luft, es roch nach Moder und Pilzen. Peggy hatte sich mittlerweile wieder beruhigt, als sie versuchte, Nikolai nachzuahmen und sich gegen die Wand drückte. Ihre Hand strich über die Schicht an Algen, an welche sie sich lehnen wollte, und sie merkte, dass auf der sonst scheinbar glatten Fläche tiefe Riefen eingelassen waren. Sie zog Nikolai von dem Spalt weg und begann die Algen zur Seite zu streichen. “Schau mal hier, hier steht was." Auf der Fläche offenbarten sich offensichtlich eingemeißelte Runen, aber unvollständig, einzelne Linien ohne Verbindungen und mit ungleichmäßigen Lücken zwischen den sporadischen Symbolen. Nikolai trat einen weiteren Schritt zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen. “Eigentlich kann ich schon lesen, aber was das heißt, weiß ich nicht.” Er drückte seine Augenbrauen zusammen in der Hoffnung, einen erklärenden Gedanken aus seinem Kopf zu drücken, doch leider erfolglos. “Können wir dann bitte zurückgehen, ich glaube nicht, dass das der Ausgang ist.” Peggy ihre Stimme wurde wieder wackeliger als sie realisierte, dass sie immer noch keine Idee hatten, wie sie hier wieder herauskommen sollten. Etwas verärgert, dass er nicht verstand, was vor ihm unvollständiges abgebildet wurde, drehte sich Nikolai wieder um und folgte Peggy zurück.

~~O~~

Caily stolperte durch die engen Gänge, nun wo sie die Wände nicht mehr sehen konnte, kam es ihr vor, als wären sie nicht mal mehr eine Armlänge auseinander, immer wieder blieb sie an scharfen Steinen oder an schleimigen Pilzen hängen. Und da waren sie wieder. In der Entfernung. Zwei kleine leuchtende Punkte. Sie nahm einen Stein vom Boden und schlug ihn gegen die steinige Wand neben sich, in der Hoffnung, die Pilze um sich herum wieder zum Leuchten zu bringen. Der Knall hallte durch die Gänge. Für einen kurzen Moment meinte sie das Flackern der Pilze, um sich herum zu sehen. Doch es war dunkler als zuvor, beinahe als hätte sich ein schwarzer Schleier über ihre Augen gelegt, der jedes Licht dämmte. Und dennoch diese zwei hellen Punkte, scheinbar eine Ewigkeit von ihr entfernt, leuchteten eben so stark wie beim ersten Mal, wo sie sie gesehen hatte. Sie sah keine andere Möglichkeit, als sich, was auch immer es war, was sie hier beobachtete zu stellen. Erst machte sie kleine Schritte, doch mit jedem Moment wurde sie schneller. Die Lichter spiegelten ihre Bewegung zumindest wirkte es so, oder sie waren so weit entfernt, das Caily jede Idee von Perspektive verlor. Aus einem Laufen wurde eine rennen. Ihre Füße flogen über den glitschigen Stein, immer wieder merkte sie, wie die scharfen Kanten sich in ihre Zehen bohrten. Und beim nächsten Schritt: plötzlich nichts. Ihr Fuß ging ins Leere. Die Lichter vor ihr verschwanden, als ihr Körper sie in die Tiefe riss. Der Boden hatte sein Ende gefunden und Caily raste nun unaufhaltsam in die Tiefe.

~~O~~

Peggy begann bitterlich zu weinen, als sie den Blick auf den kleinen Bach in der Mitte des Raumes richtete. Es war derselbe Raum, doch die Pilze und das Moos hatten ihn gänzlich übernommen. Die Säule in der Mitte glich mehr einem alten Baum als einer Stütze. Und die hölzernen Plattformen, über welche sie nach oben zum Tunnel gelangt waren, waren nicht mehr da, nur einige abgemilderte Holzbalken in den Wänden zeugten von den einmal hier angebauten Stufen. Nikolai trat an die steinerne Kante heran, während er versuchte abzuschätzen, ob er den Sturz von etwa vier Metern problemlos überstehen würde. In diesem Moment hörten sie ein Kratzen, wie Metall auf Stein, erst nur kurz, doch dann länger, immer wieder, als würde etwas in den Stein geritzt werden. Nikolai drehte sich erschrocken um, das Geräusch kam aus der Richtung der Wand mit den Runen “Jemand schreibt in die Runen, es ist bestimmt eine Tür, und jemand macht sie auf!” Nikolai wollte wieder in den Tunnel gehen, doch Peggy rührte sich nicht. “Nikolai, ich habe Angst, können wir bitte gehen.” Ihre Tränen sammelten sich in ihrem dünnen Halstuch. Nikolai war hin- und hergerissen, doch er konnte seine Freundin nicht zurücklassen. In einem Moment der Ruhe blickte Nikolai noch einmal in den Gang, aus welchem das unheimliche Kratzen kam, bevor er wieder zur Kante ging.

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Caily erwachte, unter ihr eine dicke Schicht Moos. Ihr ganzer Körper wand sich vor Schmerzen. Aber es war nicht vom Sturz. Sie war sich gar nicht mal mehr sicher, ob sie gerade erst gefallen war. Vielleicht war der Sturz auch schon einige Tage her und es war nur ein wiederholter Traum. Sie hatte jedes Gefühl von Zeit verloren. Ihre Finger strichen durch das kühle Moos um sie herum, als sie langsam versuchte, sich aufzurichten. Warum war sie hier? Seit wann war sie hier. Ihre Augen füllten sich mit einigen Tränen, als sie das ausdruckslose Gesicht ihrer Mutter vor sich sah, immer noch gefüllt von Linien und Strichen wie von einem Kind zerkratzt. Und sie hörte die Worte, die immer wieder in ihren Ohren wieder hallten: “Gehe niemals in die Höhlen.”

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“Ok, ich klettere runter und kann dich auffangen, falls du fällst.” Nikolai begann sich an einem der vermoderten Holzbalken herab zu hangeln und nach einem kurzen Moment hatte er den Boden erreicht. “Jetzt du!” Peggy stand wie eingefroren an der Kante, bevor sie einen tiefen Atemzug nahm und begann herabzusteigen. Ihr Kopf war gerade noch über der Kante, als ihr Blick auf zwei leuchtende Punkte am Ende des Tunnels fiel. Vor Schreck setzte sie einen Fuß auf den falschen Stein, die keine rote Schleife auf ihren Schuhen blieb, in einem der alten Holzbalken hängen und sie verlor das Gleichgewicht. Nikolai sprang schützend nach vorne, als er sah, wie seine Freundin zu Boden fiel, doch während er einen Teil ihres Sturzes abfedern konnte, war es nicht genug. Peggys Bein kam auf dem Höhlenboden auf und sie hörten ein lautes Knacken, gefolgt von einem lauten Schrei.

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Caily versuchte, das Bild ihrer Mutter im Kopf zu behalten, um sich zu beruhigen, doch das einzige, was sie bei sich behielt, waren ihre Augen, ihre Augen, welche wie kalte, leere Diamanten im Licht funkelten. Als Caily sich sicher war, dass was auch immer passieren würde, diese Augen sie beobachten würden, öffnete sie ihre eigenen. Und dort waren sie. Funkelnd wie Diamanten, direkt vor ihr. Doch es waren nicht die Augen ihrer Mutter. Sie waren anders. Die Pupillen waren wie zerfetzt, als hätte sie jemand ausgestochen. Sie hatten einen leicht bläulichen Schimmer, ähnlich wie die Pilze an den Wänden. Caily merke wieder einen Luftzug. Direkt vor ihr. Warme Luft, dann ein kühler Windzug, warme Luft, dann ein weiterer kühler Windzug. Ein gurgelndes Knurren folgte dem Hauch, es war direkt vor ihr. Das gleichmäßige Knurren ließ die Pilze vor Caily wieder aufleuchten. Doch es waren keine Pilze, zumindest nicht mehr. Vor ihr klaffte ein Maul aus scharfen schwarzen Zähnen, dazwischen hingen Reste von Moos und Pilzen, welche bei jedem Knurren aufleuchten und so einen Bilk in den Schwarzen Rachen warfen, welcher Caily an atmete, während sie nur wenige Zentimeter vor ihm wie eingefroren stehen blieb.

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Peggy merkte, wie sich die Knochen in ihren Fuß verschoben und sich in ihr Fleisch drückten. Über ihnen im Tunnel gab es ein weiteres Geräusch, kein Kratzen, sondern ein Knacken, als würden Körner in einer Mühle zermahlen werden, als eine leichte Vibration durch den Boden ging. Bevor es mit einem dumpfen Ruck zum Stillstand kam. Nun setzte auch in Nikolai die Angst ein, als er den verdrehten Fuß seiner Begleiterin sah. “Das war die Tür, das muss die Tür gewesen sein.” Er wusste selber nicht mehr, was er tun sollte. Was auch immer Peggy erschreckt hatte, war noch immer in diesem Gang, oder es hatte sich wieder in die dunklen Gefilde hinter der steinernen Forte zurückgezogen. Eilig begann er damit, Peggy wieder aufzurichten und in einen der Gänge zu führen. Einer dieser Gänge musste nach draußen führen und er wollte nicht länger hier bleiben, um herauszufinden, was es war, was in diesen Tunneln lebte.

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Caily blinzelte und das Maul vor ihr war verschwunden. Sie stand wieder in einem leeren Raum, unter ihr nur das frische Moos und einige Pilze. In diesem Moment zog ein stechender Schmerz in ihren Arm, was auch immer es war, hatte sich an ihr festgebissen und lies nicht mehr los Caily griff mit ihrer Hand nach, was sich anfühlte, als wäre es aus dickem Öl und zerfleddertem Leder gemacht. Sie schrie auf, als sich die Zähne noch tiefer in ihren Arm bohrten. Ein weiterer heller Lichtblitz, als die Pilze um sie herum zu leuchten begannen. Caily blickte auf ihren Arm, um zu sehen, was sich dort festgebissen hatte, nur um nichts außer ihr blutiges Fleisch zu sehen. Was auch immer es war, war mit dem Licht verschwunden. Ihren Arm mit der anderen Hand fest umschlungen, begann Caily zu einem der anliegenden Gänge zu hechten, sie musste hier raus, bevor “Es” wieder kam.

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Peggys Fuß schmerzte mit jedem Schritt, auch wenn Nikolai versuchte, sie so gut wie möglich zu stützen. Sie blickte auf den Boden, um sicherzustellen, dass sie nicht an einer der scharfen Steinkanten hängen bleiben würde, als Nikolai an ihrer Seite plötzlich stehen blieb. “Was ist das?” Peggy blickte nach  oben und folgte Nikolais erschrockenem Blick und in der Ferne sah sie dieselben zwei Punkte, welche sie auch zuvor gesehen hatte und wegen welchen sie von der Kante gestürzt war. Doch sie kamen näher und das schnell. Schritte halten durch die Gänge, schnelle Schritte, bald beinahe wie das Galoppieren von Hufen auf dem Fels, als die zwei Augen größer wurden. “Lauf!” Nikolai packte Peggy an der Hand und rannte los. Peggy schrie, als ihr kaputter Fuß auf  dem Stein landete. “Schneller!” Nikolai wusste, dass Peggy verletzt war, doch er konnte ihre Hand nicht loslassen, auch wenn es weh tat, musste er sie hier rausbringen. Peggys Schrei hallte in seinen Ohren, doch es kam ihm beinahe so vor, als würde sie immer leiser werden. Er drückte ihre Hand fester und rannte weiter, bis Peggys Schrei schließlich aufgehört hatte. Als er stehen blieb, blickte er zurück, nur um festzustellen, dass seine Hand leer war. Angst. Pure Angst stieg in ihm auf “Peggy! PEGGY!” Das Augenpaar war verschwunden und auch als Nikolai wieder in den Tunnel lief, tauchte es nicht wieder auf. Doch er rannte weiter, weiter in den unbekannten Tunnel, der tiefer in den Berg führte. Er musste sie finden, egal wie tief der Tunnel ging.

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Caily schlurfte durch den Gang, sie merkte, wie ihr schwindelig wurde, als ihr Blut weiter durch ihre Kleidung heraustropfte und sich auf dem Boden unter ihr verteilte. Der Gang wurde enger, als würde etwas ihn zur Hälfte blockieren. Eine große steinerne Platte, die zum Teil in der Wand saß, wie eine halb geöffnete Tür. Auf der glatten Oberfläche befanden sich einige undefinierbare Striche und unvollständige Runen. Doch manche von den Ordentlich gemeißelten Runen waren durch unnatürlich große Krater ausgefüllt, als hätte ein Kind versucht, die unfertigen Schriften zu vervollständigen. Sie quetschte sich an der steinernen Tür vorbei und ihre Augen schmerzten, vor ihr war ein Licht. Für einen Moment wollte sie wieder zurücklaufen, aus Angst dem Wesen der Tunnel erneut zu begegnen, doch das Licht war anders. Es war warm und ausfüllend, anders als die glänzenden Augen des Berges. Caily schaute sich um. Der Gang um sie herum war anders. Es war keine natürliche Höhle, die Decke war von dicken Holzbalken gestützt und umso weiter sie ging, wurden die Wände gerade wie die eines Stollens. Dicke Kerben säumten den Boden, die Decke und die Seiten des Tunnels, als hätte ein wildes Tier in ihnen gewütet. Als sich Caily dem Licht näherte, stand sie schließlich am Eingang einer natürlichen Höhle. Eine große runde Kammer. An der einen Seite eine Auftürmung aus weißen Tropfsteinen, beinahe als wäre hier einst ein Wasserfall gewesen, welcher nun nur noch aus einzelnen Tropfen bestand, welche die Mineralien des Berges zu Zahnähnlichen spitzen formten so wie ein dünnes ausgetrocknetes Flussbett in wessen senke sich dickes Moos gebildet hatte. Mehrere Gänge teilten sich von diesem Raum, jeder von ihnen verzierte mit Steinreliefs und erleuchteten Fackeln. In der Mitte des Raumes war ein steinernes Podest. Caily trat die hölzernen Stufen am Rand der Höhle hinunter in die Richtung des steinernen Podestes. Sie sah vermodertes Holz an der Wand neben ihr, als wären vor langer Zeit einmal andere Stufen hier gewesen. In einer engen Felsspalte sah sie, was aussah wie ein kurzes rotes Schleifenband, das von Moos und Pilzen überwachsen war. Sie konnte in die anderen Gänge blicken, jeder führte zu einem kleinen Raum, teilweise eingerichtet, beinahe als würde jemand hier leben.

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Nikolais Muskeln gaben nach. Er war gerannt, solange er konnte. Dieser eine Tunnel schien nicht zu enden und Peggy schien auf immer verschwunden zu sein. Nikolais Schreie hallte durch die Gänge und das Schreien ließ nicht nach, selbst als Nikolai erschöpft auf seine Knie fiel und er sich sicher war, dass es keinen Ausweg mehr geben würde. Doch er selbst hatte schon längst kein Geräusch mehr von sich gegeben, als seine Schreie noch immer durch die Gänge halten. Es hört nicht auf. Die Schreie hallten, sie füllten seinen Kopf. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, warum er so bitterlich geschrien hatte. Waren es schmerzen, oder Angst. Er schlenderte durch die Dunkelheit, aber seine Augen hatten sich an sie gewöhnt. Die Steine, die Pilze, das Moos, alles schien so vertraut, wenn er mit seinen Füßen nun barfuß ohne Schmerzen über den kalten Felsen gehen konnte. Der kalte Stein drückte sich in seine Sohlen und er begann zu lächeln. Ein Gefühl von Verzweiflung, das ihn jedoch nicht viel bekümmerte, setzte ein, als er realisierte, dass er nicht mehr wusste, wieso er Angst gehabt hatte vor diesem Ort. Er wusste nicht, wie lange er in den Tunneln war. Minuten, Stunden, Tage, Jahre. Was ist Zeit, wenn man sie nicht sehen kann. Irgendwann ließen sie nach, die Schreie wurden ruhiger, beinahe zu einem Flüstern, das ihn begleitete, wohin er auch in den Tunneln ging. Wie eine Stimme, die ihm etwas zu flüsterte, jemand oder etwas, das ihn zu sich rief. Plötzlich war jedes Gefühl der Verzweiflung endgültig verschwunden. Etwas rief ihn, er muss es finden, der Schatz, für den er aufgebrochen war, rief nach ihm. Er musste weiter in den Berg. Er muss tiefer, immer tiefer. Nikolai verfiel der Stimme des Berges. Sein Geist war befreit von den Erinnerungen seines ehemaligen Lebens. Befreit von den Hürden eines Kindes, befreit von den Sorgen um andere, befreit von allem, was ihn einst hielt. Er spürte die Stimme des Berges. Seine Wut, seinen Zorn, wie er litt, als er von den Tunneln durchbohrt wurde, wie er schrie als Stein auf Stein schlug. Er war erfüllt von Hass, und so war es Nikolai nun auch. Ein Hass, der älter war als alles andere. Ein Hass, der Nährte. Und wie sich Nikolai an ihm näherte, seine Kräfte wuchsen, während sein Geist schwand. Alles verschwamm zu einem, nicht nur gab es keine Zeit mehr, und alles geschah ohne Reihenfolge, sondern auch sein Körper übersprang seine Limitierungen. Er war nicht mehr angewiesen auf seine Sinne, denn er sprach mit dem Berg selbst. Er musste nicht mehr laufen, denn die Schatten trugen ihn durch ihr Gänge. Er veränderte sich. Seine Form unvollständig, sein Wille zu überleben, das einzige, was seine Form aus Schatten zusammenhielt. Es gab nichts mehr außer den Hunger des Berges. Ob es die Momente waren, wenn er an den Wänden des der Höhle kratzte, ob er durch die Schatten schlich und die verirrten Seelen beobachtete, oder auch als er Caily auf dem Bett aus Moos in den Arm biss, war alles eins für ihn. Er war der Berg, der Berg war alles. Die Worte des Berges hallten durch die langen Gänge, wie ein Gebet, das der Stein von sich gab und Nikolai flüsterte sie mit:

Sag mir, wenn die Steine bröckeln.

Sag mir, wenn der Boden bricht.

Soll die Erde untergeht,

eh ich geh’ ins Licht.

Das Letzte, was die Erde sehen wird,

ist des Berges ganze Macht.

Wenn die Welt in Staub sich legt,

ich sage dir, oh, gebe acht.

Ich war einst Teil der Alten Welt

und Teil von ihr soll ich wieder sein.

Denn bevor das Licht die Welt bekehrt,

Steht der Berg wieder daheim.

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Caily stand vor dem Steinaltar in der Mitte des Raumes, als sie eine Stimmer hörte. Sie zuckte zusammen, das erste Mal, dass etwas anderes als die Geräusche des Berges oder ihre eigenen Schreie auf ihre Ohren trafen. “Leg dich hin.” Die Stimme kam von hinter ihr, sie war beinahe freundlich und beruhigend, doch als sie sich umdrehte, war nichts vor ihr, was die Stimmer hervorgebracht hatte. Vor ihr nur das steinerne Podest, ein Altar, wie man ihn in alten Tempeln sehen konnte. Sie sah die Form, die darin eingraviert war, die Form eines Körpers. So wie es, wie ein Altar schien, schien es nun wie eine Liege, an den Stellen von der Gravur ihre Hände und Füße hatte ragten Lederne Riemen aus dem Stein. “Leg dich hin!” Die Stimme schien energischer, Caily konnte jetzt die Umrisse einer Gestalt ausmachen, die in einem der Gänge stand, die sie doch trotz des Fackellichtes nicht zu erkennen schien. “Was ist hier los?” ihre Stimme war rau und ihre Lippe trocken. “Leg dich hin!” Die Stimme wurde beinahe aggressiv. An die nächsten Momente erinnerte sich Caily nur vage, die Gestalt kam auf sie zu. Dasselbe zerkratzte Gesicht wie das ihrer Mutter blickte sie an, eine weitere Person, die Caily aus ihren Erinnerungen verbannt hatte. Sie wurde festgehalten, sie konnte sich nicht wehren. Ihre Hände und Füße gebunden, als sie auf die steinerne Fläche gefesselt wurde. Sie versuchte sich loszureißen, doch keine Kraft ließ sich aus ihren schwachen Muskeln kämpfen, als sie langsam das Bewusstsein verlor. “Caily, Caily du bist immer noch nicht erwacht. Wie oft sollen wir das Ganze noch wiederholen? Sieben Jahre, und immer noch keine Anzeichen des Erzes in dir. Du machst es mir und deiner Mutter nicht gerade leicht, meine Liebe.” Caily konnte nicht antworten, es fühlte sich an, als würden ihr Steine in der Kehle sitzen, als sie merkte, wie ihr Körper langsam im Stein des Altars versank. “Ich würde dich ungern noch einmal nach unten schicken. Ich glaube nicht, dass ein weiteres Mal noch einen Unterschied macht, nach den ersten paar Versuchen hatte ich ja noch Hoffnung, aber so? Was soll bloß aus dir werden? Ich glaube, ich muss andere Wege finden, das Erz ist mit Sicherheit stark in dir, wir müssen es nur auf die richtige Weise erwecken. Und wie heißt es im Weg des Erzes: Erst muss es zerbrochen werden” Caily versuchte aufzuschreien, als sie den Schlag in ihrem Brustkorb merkt, ihre Rippe gab nach als ihre Augen sich schlossen und ein letztes Mal die Dunkelheit der Höhlen in ihre Augen einfiel.

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Der Schatten verschlang jeden Rest des Berges, es gab nichts, was Nikolai nicht sein nannte, in diesen Tunneln. Die Ewige suchte nach etwas, das er nicht länger definieren konnte fraßen ihn auf. Das kleine Mädchen, das er bei der Hand gehalten hatte, als er rannte, er kannte weder ihren Namen noch wie sie aussah, es war alles fort. Peggys Name schien vergessen, doch ein neues Mädchen war in die Höhlen gelangt, und Nikolai würde nicht aufgeben, bis er sie aus den dunklen Gängen des Berges geführt hatte. Und dort war sie, ihr blondes Haar schimmerte im Licht, er wollte doch nur nach ihrer Hand greifen. Er wollte ihr nie weh tun, wäre sie doch nur bei ihm geblieben, nun konnte er sie nicht mehr beschützen vor dem Licht, das Licht, welches sich in Form der Erwartungen der Menschen wie Venen aus Erz einst durch seinen, und nun auch durch ihren Körper, bohrten.

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Caily stand am Eingang des Stollens. Hinter ihr die warme Luft, die sich aus den Höhlen drückte, wie ein Atemzug, der sie nach draußen begleitet hatte, vor ihr der Blick über den Steinbruch. Die großen Strukturen und Paläste, welche wie Mahnmale in den Felsen gebaut waren, warfen Schatten über die Menschen, die Caily nun als Fremde sah. Sie wusste nicht, warum sie hier war, was passiert war, oder wie sie es aus den Höhlen geschafft hatte, nachdem ihr Vater sie geschlagen hatte, aber sie nahm einen Atemzug und ließ die Schwelle der Dunkelheit hinter sich. Sie ging die Stufen des Tempels empor und sah sich selbst, das kleine Mädchen mit blondem Haar, einst welches auf den Stufen weinte, ihre Mutter neben ihr, tröstend. Die Geschichte von Nikolai war zu Ende erzählt und ein verängstigendes Grinsen zeichnete sich auf dem sonst unkenntlichen Gesicht ihrer Mutter ab. Die Junge Caily wusste nicht, was dieses Mädchen genau bedeutete, doch ihre Mutter hatte bereits zu diesem Zeitpunkt den Weg des Erzes für sie geplant. Jetzt war Caily älter, sie wusste, sie hatte damals nicht geweint, weil sie um die Kinder der Geschichte getrauert hatte. Sie weinte wegen der letzten Worte, die ihre Mutter sprach, als sie das Mädchen beendet hatte. “Deshalb gehen Kinder nicht in die Höhlen, da Nikolai noch immer in ihnen haust. Doch du bist besonders. Du bist mein Kind. Du hast das Erz in deinen Adern. Und eines Tages wirst du den Weg des Erzes gehen.” Sie wusste damals trotz der Geschichte nicht, was sie auf diesem Weg erwartete, und auch nicht, dass Nikolai auf diesem Weg neben ihr gehen würde. Caily ignorierte ihr jüngeres Selbst. Sie drückte die Türen des Tempels auf und als sie vor dem alten Altar ihres einstigen Gottes stand, griff sie nach dem dunkelgrünen Amulett, welches sie so oft um den Hals ihrer Mutter gesehen hatte. Ein Symbol für ihre Verbindung zum Berg, ein Symbol, welches sie als Gebieterin des Berges herausstellte. Ihre Mutter sollte nie wieder diese Macht haben. Dieses Amulett war der Edelstein in der Krone, den sich die Kinder damals erhofft hatten, der Grund warum sie in den Berg gingen und verschwanden, ein Symbol dafür, dass niemand über einem steht, doch dieses Recht hatte ihre Mutter verkauft, und zwar für nichts als die Hoffnung ein Kind zu haben, welches diese Macht einst übernehmen würde. Als sie den Steinbruch schließlich hinter sich ließ, blieb Caily nur ein Gedanke. Wenn sie einst das Erz des Berges in ihren Adern hatte, wie es sich ihre Eltern so erhofft hatten, hatte sie es in diesen Höhlen zurückgelassen. Sie hatte es nicht gebrochen, gebrannt und geschmiedet, wie ihr Vater es sich erhofft hatte. Sie war nicht das Eisen einer Waffe und nicht das Gold einer Krone. Ihre Eltern hielten sie für Kohle, nichts Besseres als das, was die Glut der Öfen am Leben hielt und dazu diente, die Ausbeutung des Berges formbar zu machen. Doch unter dem Druck des Berges wurde aus der unscheinbaren Kohle ein

Diamant.

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